Wie der Weihnachtsbaum ins Haus kam.....

(gekürzte Fassung aus: So oft ihr in die Tiefe steigt.... von Bert Fröbe)

 

 

...........    Die schönste Geschichte aber, die mein Vater immer wieder erzählen musste, sie spielt kurz vor dem Heiligen Abend. Ich sehnte diese als Kind schon herbei, wenn die ersten Frostnächte einen silbernen Glanz auf die dunklen Wälder des Erzgebirges zauberten.
Weihnachten, das schönste Fest des Jahres, bis heute nimmt es in meinem Herzen einen besonderen Platz ein.
Vielleicht auch, weil der Weg des Christbaumes in das Haus des Bergverwalters und seiner Familie ein höchst Ungewöhnlicher war. Am letzten Sonntag vor dem Fest lag Puck, der Bergspitz, wie immer vor der Tür des Hauses und dachte dösend darüber nach, ob denn nun sein Herr endlich Stock und Mütze von der Wand nehmen, den Tweed überstreifen
und ihn mit einem leisen Pfiff an seine Seite rufen wird.
Doch an diesem Tage geschah nichts, denn oben im Arbeitszimmer saß sein Herr, missmutig in Bergen von Akten blätternd, den Federhalter übers Ohr gesteckt und immer wieder aus dem kleinen Fenster in den schon dämmernden Tag hinausschauend, als wäre er in Erwartung eines Ereignisses.
Das wird heute wohl nichts mehr, maulte Puck.
Missgelaunt legte er den Kopf zwischen seine Pfoten, nicht einmal drei freche Spatzen, die dem König der Türschwelle entgegenhüpften, um ihm etwas vom Futter streitig zu machen, ließen Pucks Adrenalinspiegel ansteigen.
Plötzlich schnellten seine Ohren nach oben, denn von der Straße her näherte sich dem Haus ein merkwürdiger Gesell, der zunächst mit bösem Gebell begrüßt werden musste, ganz nach Art des Spitzes, so dass der Schnee nach allen Seiten von seinem schwarzen Fell wirbelte.
Der Mann, der sich mit eiligem Schritt näherte, trug die Hosen nach Soldatenart in die Stiefel geklemmt, einen Mantel, den Kragen bis an den Hals hochgeknöpft, und dicke Fausthandschuhe. Als er den Türsteher Puck erreichte, wedelte der leicht mit seiner Rute, denn es kamen ihm Stimme und Geruch bekannt vor.
Irgendwie störte aber den Spitz, dass der Wanderer einen kunstgerecht zu einer Pyramide auf dem Rücken zusammen
gebundenen Tannenbaum trug, so etwas hatte er lange nicht gesehen.
Der Mann stapfte sich den Schnee von den Stiefeln, schlug seinen Mantelkragen nieder und trat in das mit Schlägel und Eisen geschmückte Haus ein.
Wie jedes Jahr lag ein langer Marsch hinter ihm von Ehrenfriedersdorf bis Schwarzenberg, was eine Wegstrecke von mehr als fünf Stunden bedeutete.
Tatsächlich, Jahr für Jahr, kam so der Christbaum ins Haus, und für die Kinder war klar, einen schöneren Baum gibt es im ganzen Erzgebirge nicht.
Und das kam so:
Julius verwaltete als Bergdirektor jahrelang einen uralten Röhrgraben, ein Bergwasser, das einen besonderen Wärter verlangt, einen Grabensteiger!
Da dieser dankbar war, eine geregelte Arbeit in der Natur zu haben, ließ er es sich nicht nehmen, den langen Weg einmal im Jahr zu gehen, um der Familie seine Weihnachtswünsche persönlich mit einem Christbaum zu überbringen.
Nach kurzer Begrüßung legte er seinen Mantel ab, zog die Kappe vom Kopf und machte sich zur Freude der Kinder sofort daran, den Christbaum aufzuschnüren, wobei er ganz behutsam hantierte.
Ein herber Duft nach frischem Schneewind ging von dem gemächlich hantierenden Männlein aus, der Duft von Harz mischte sich darunter, was für ein Vorweihnachtszauber!
Die Kinder bewundern diesen Mann, seit der Vater erzählte, dass er zweimal am Tage, Sommer wie Winter, bei Regen und Schnee den einsamen Grabenweg geht, um die Schütze des Stauwehres an den Greifensteinen zu ziehen,
entweder um das Wasser zu stauen, oder, um es in Marsch zu setzen. Wenn er um Mitternacht die Schütze zog, war er so pünktlich, dass aus dem Tal die Glocken der Kirche zu hören waren.
Dann wanderte er den Weg zurück, vom Rauschen und Murmeln des Grabenwassers begleitet.
Dieser Mann, der weder Tod noch Teufel fürchtete, war für die Kinder wie eine Sagengestalt, denn alle, ob Jungen oder Mädchen, hätten diesen Mut nie aufgebracht.
Für Steiger und Bergdirektor gab es viel zu besprechen, jeder von Beiden erfuhr Neues. Zu gerne hätten die Kinder das Gespräch belauscht, denn es könnten ja auch Berggeistergeschichten erwähnt werden, aber der Vater schickte sie mit einer eindeutigen Handbewegung aus dem Zimmer.
Nachdem Kaffee getrunken und von Fränzl gebackener Kuchen gereicht wurde, verabschiedete sich der Steiger.
Vor der Tür empfing ihn Puck zum zweiten Mal, und mit einem fröhlichen Glück Auf verabschiedete er ihn ins Schneegestöber, dabei die Gunst der Gelegenheit nutzend, sich in die Wohnstube zu schleichen, um neben den warmen Ofen geringelt einem neuen Tag entgegen zu träumen. Die Kinder mussten zu Bett, der Vater saß auf dem Sofa; bei einer glimmenden Zigarre ............

 

 

 

 

Vom Nehmen und Geben ...

 

Unganrn, Kecskemét Allerheiligen


Der Samstag nach Allerheiligen ist immer ein ganz besonderer Tag in Ungarn und auch für mich, denn ich besuche dann immer den Friedhof von Kecskemèt.
Eine unendlich scheinende Menschenmenge strömt aus der Stadt, dem Friedhof entgegen, um den Verstorbenen einen Besuch abzustatten.

Bestückt mit Kränzen und Blumen erreichen die Angehörigen ein riesiges Areal und verteilen sich, wie ein Fluß in einem Delta.
An einem liebevoll geschmückten Grab begegne ich einem Ehepaar, dessen Tochter vor drei Jahren an Krebs verstorben war. Noch zu gut entsinne mich, was für schwere Stunden das waren, wie groß die Trauer war und die Verzweiflung. Ich trete zögern an sie heran, um nicht bei der Andacht zu stören. Plötzlich gewahrt mich die Frau, und kommt mir lächelnd entgegen.
„Sie hier? wie schön!“, sprach sie. Natürlich hatte ich wahrgenommen, dass sie in anderen Umständen war, doch getraute ich mir nicht, diesen schönen Umstand anzusprechen. Die Frau schien meine Verlegenheit zu bemerken und erlöste mich mit den Worten: „Der Herr hat genommen und der Herr hat mir gegeben, was für ein Glück! Und nun bin ich zum ersten Mal mit meinem ungeborenen Kind hier, mein Gott, wie sehr liegen doch Leben und Tod beieinander!“ Wie gut, sage ich, dass Liebe unsterblich ist und verabschiede mich schnellen Schrittes, um in Ruhe darüber nachdenken zu können.

 

Unsterblichkeit?
Ein flatterndes Seelchen, ein Falter im Gräbergarten also?

Ist das die Weisheit der letzten Stunde?

 

Ich komme an einer Bank vorbei, setze mich nachdenklich, während ich diesem leidgeprüften Ehepaar weiterhin meine Aufmerksamkeit und Bewunderung schenke.
Es legt viel Zärtlichkeit zwischen den Beiden, erkennbar in ganz kleinen Dingen, in den heimlichen Gesten, in dem bewussten sich hinwenden zueinander. Das braucht Zeit und Ruhe, viel Kraft und wieder Zeit. Ich glaube, dass es darauf ankommt, sich ein Stück von diesem Zueinander wenden zu bewahren, die Entblätterung der Seele zu verzögern, sich hinzugeben, ohne sich aufzugeben. Das darf keine Masche, kein Trick, keine kalkulierte Absicht sein, aber man muss hin und wieder einen Schritt zurücktreten, um den anderen wieder in seiner ganzen Gestalt zu sehen, neu zu sehen.

Wir nehmen von Tag zu Tag mehr voneinander. Der Morgen ist eine bunte Kugel, die wir bestaunen; mit dem Abend verlöschen die ungenützten Chancen. Die Bilder des Lebens wechseln immer schneller und beide wissen: Unendliches haben sie noch zu besprechen, die ganze Frage nach dem Sinn all unseren Tuns, die Frage nach Gott, die Frage, ob wir unseren Kindern genug sein können - alles, alles wartet noch.
Was für eine gute Ehe, die diese beiden Menschen führen, denke ich. Ja, wird mir bewusst, während sie sich am Grab des Kindes in den Armen halten, eine gute Ehe ist wohl ein Gespräch ohne Anfang und Ende. Eine gute Ehe ist das Gefühl, dass das Leben vorher nicht von dieser Welt war, daß eigentlich alles erst begann, als dieser geliebte Mensch kam.
Lange standen diese beiden noch stumm umarmt beieinander, die Welt um sich vergessend und in den Augen des Mannes spiegelte sich, dass diese Umarmung für ihn die Gelegenheit bot, die ganze Welt zu umarmen - in seiner Frau!
Als die Beiden nach ihrem Innehalten ein Licht am Grab des gestorbenen Kindes entzündeten, war es auch für mich Zeit, den weiten Weg zurück in die oft unwirkliche Gegenwart anzutreten, nur, ich habe unendlich viel dazu gelernt.

 

Autor: Bert Fröbe

Herausgegeben von: wilsbergedition-berlin
veröffentlicht 2019 in: Triumphieren werden die Arme der Liebe

 

 

 

 

 

Wenn einen seine Mutter weckt



... das ist ein leichtes Streichen über die Stirn, hinter der noch ein Traum webt.

Dieses Wecken ist das Rufen der echten Liebe, das zarte Hinübergehen aus Traum und Schlafenswelt in die Wirklichkeit,

die in der Frühe eines Wintermorgens so besonders hart ist für die kleinen Menschen, die doch auch schon die Pflicht ruft.

 

Dieser Augenblick des Erwachens ist ja so wichtig für den ganzen Tag.

Wenn die Liebe mit leuchtendem Auge am Bett steht, so ist das doch der schönste Gruß des Lebens.

 

Es gibt Menschen, die sehr laut sind und ihre Gedankenfluten wie einen Sturzbach über einen schütten;

sie haben die beste Absicht, irgendetwas in uns zu wecken, aber wir bleiben ungerührt,

wie ein Eispanzer wächst es uns ums Herz, wir können an ihnen einschlafen, trotz ihres Lärmes.

 

Und es gibt andererseits Menschen, die brauchen gar nicht zu reden und haben dennoch eine wunderbare weckende Kraft.

Das ist das Geheimnis der Persönlichkeit, die Macht des Herzens.

 

Wer wecken will, muss in erster Linie ein Herz voller Wärme besitzen. Dann erst kommt der Geist!

Ein kühler Geist, der eisig seine Gedanken vor mir ausbreitet, kann mich nicht auf Dauer wecken,

denn wer wecken will, muss den ganzen warmherzigen Menschen einsetzen.

 

Der Weckende muss in die Tiefe gehen und das kann er nur, wenn er selbst Tiefe besitzt.

Er muss also eine „Mutterseele“ haben, eine feine, spürende, leise und andächtige Seele.

Weckt der Frühling die Keime doch auch nicht mit Posaunenstößen.

Nein, nur durch die Sonne allein, die voller Kraft ist und ganz still.

Wer wecken will, muss wissen, wenn es an der Zeit ist. Warten muss er können; Geduld muss er haben.

Er muss wissen, was er wecken will, muss sich selbst unter das Gesetz des Lebens stellen und jenes selbst erst erfüllen.

Wer wecken will, muss selbst erwacht sein.

Er darf keinen Ballast an sich dulden und noch etwas, nur die Sehnsüchtigen können wecken.

 

Wo zwei einander liebhaben, ist doch das schönste Liebeswerk, einander zu wecken zum höheren Sein.

 

 

 

Autor: Bert Fröbe

 

Herausgegeben von: wilsbergedition-berlin

veröffentlicht 2019 in: Triumphieren werden die Arme der Liebe