VORANKÜNDIGUNG

 

BERT FRÖBE: 

 

Aus meinem noch unveröffentlichten Buch


"IM LABYRITH MEINER SEELE"

 

Nun also brennt kein Licht mehr in dem kleinen Haus, an dem ich fast
täglich vorbei fahre. Nun ist dort alles dunkel, die Fenster sehen
aus, wie Wunden in einem Haus, das sonst erleuchtet auf Besucher
wartet - doch nur wenige Menschen kommen.

Der Abend geht schon über in die Nacht, keine Zeit für flüchtige Gäste.
Ich bin in den letzten Tagen immer wieder an dem Haus vorbeigefahren,
ich habe die Fenster beobachtet, es war dort immer Dunkelheit:

Er ist also doch im Krankenhaus!

In den Monaten zuvor war dort allabendlich Licht, ich sah es, wenn ich noch einmal meine Runde drehte, um frische
Luft zu suchen, die mir so fehlte. Nun war es dort dunkel, und ich
wusste: Die Krankheit hatte ihn noch nicht verlassen.
Der alte Mann, von dem ich berichte, ist nicht mein Freund, ist nur
ein Nachbar, direkt neben meines Pferdes Koppel, aber mit einigen
Gesprächen, einigen Gedanken, die ich nun nicht mehr genau beschreiben
kann, hatte er mich an sich gezogen, bin ich auf ihn zugegangen- wer
weiß das schon so genau? Kein Wunder also, dass ich in Sorge war,
standen doch auf der Koppel des alten Mannes viele Pferde und Esel,
deren Schicksal nun völlig ungewiss ist.
Doch nun ist es schon der vierte Tag, dass in seinem Fenster kein
Licht erschien. Ich weiß nicht, ob irgend jemand seine Tiere, die ein
Teil seiner selbst zu sein schienen, versorgt; aber er wird schon
jemanden gefunden haben.

Und in dem kleinen Haus? Was ist da schon zu betreuen in der Wohnung eines alten einsamen Mannes, der plötzlich ins Krankenhaus eingewiesen wird? Denn sicher ist er nicht von der Natur, die sich selbst in die Klinik begibt, da muss schon jemand kommen und ihm befehlen: Nun ist genug herumlaboriert, nun hilft keine Selbstbetreuung mehr, nun müssen die Ärzte ran.
Seltsames Gefühl, diese dunklen Fenster! Diese Scheiben hinter denen
sonst bis in die Nacht das Licht brannte. Ein Mann rund um die
siebzig, seine geliebte Frau hatte er schon vor vielen Jahren der Erde
übergeben müssen, ein Mann, der die Weisheit des Alters lägst erkannt
hatte, die darin besteht: zu geben, nicht zu nehmen! Ich habe es
erlebt: Immer, wenn er mich zufällig traf, mich manchmal sogar in sein
winziges Haus bat, hörte ich ihm zu; und was viel erstaunlicher war:
Er vermochte mir zuzuhören.
So denke ich, dass es ja nur wenige Gespräche sind, die mich mit
diesem Mann in Verbindung  brachten: etwas Politik, ein bisschen
Alltägliches, ein paar Tipps. Empfehlungen, Ratschläge,
Unverbindliches,- das bindet.
Und ich fühlte, wie zerbrechlich doch alle Beziehungen sind. Wie viele
Worte so oft ungesagt bleiben, weil man sich nicht traut, weil man
keine Zeit hat, weil man doch immer glaubt, auch morgen noch hingehen
zu können.


Es ist schon ein Kreuz mit den dunklen Fenstern, die vor ein paar
Tagen noch hell erleuchtet waren.
Und wieder tastet sich mein Wagen durch die Dunkelheit in Richtung des
Hauses. Ich stoppe an der Koppel meine Fahrt, steige aus und blicke
lange auf dieses dunkle Haus, in dem es sicher auch glückliche Tage
gegeben hat.
Ein sanftes, weiches und zärtliches Pferdemaul schiebt sich in meine
Hand, als wollte das Tier eine Antwort auf seine vielen Fragen. Ich
spreche mit ihm streichle es sanft und beschließe, gleich am nächsten
Morgen, mich um diese Tiere zu kümmern, denn, wie lehrte es mich der
Alte?
Geben ist besser, als Nehmen!

 

BERT FRÖBE