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Vom Gehen und Ankommen – ein unvollständiges Sprudelbad 

 

Berlin, April, mein Geburtstag

Eine beleibte Pflegerin entriss mir mit den Worten „hier entlang gehts jetzt“ den Rollstuhl, in welchem sich Carl vor Schmerzen kaum sitzend halten konnte.

Die Metastasen in seiner Lunge gaben ihm keinen Raum mehr zum Atmen, die Krebsoperation, genau zwei Jahre zuvor, war wohl doch nicht so erfolgreich, wie alle glücklich verkündeten.

  

Ein hilfloser, gebrochener Blick zurück und es schloss sich die Tür; leise, aber für immer.

 

 

Ende September

Es war schon dunkel, als mein Auto, vollgeladen bis unters Dach und gerade noch ausreichend Platz für meinen Hund bietend, die sehr scharfe Spitzkehre zur Auffahrt unseres neuen Zuhause meisterte. Noch eine letzte kleine Steigung und wir waren da.

 

Einen Briefkasten mit unserem Namen gab es auch schon, und – welch Freude, erste Post war drinnen.

„Schön, dass Du da bist, willkommen“ – so stand es auf der bunten Karte mit dem Schlüsselanhänger „HOME“; was für eine erste liebe Willkommensgeste.

Die Nacht verbrachten wir wie im Biwak, auf einem Topper und ISO - Matte, das ganze hatte etwas pfadfinderisches an sich. Eine Kochplatte, einen Wasserkocher und 2 Stühle gab es, Pizzi fand schnell einen Platz für sein Fresschen. Hunde sind da genügsam, Hauptsache, der Napf wird gefüllt.

 

Am nächsten Morgen stand der LKW mit unserem Hab und Gut überpünktlich vor der Haustür, am Abend fühlte ich mich so hilflos zwischen all den Kisten Kartons und Dingen, die ich mitnehmen konnte bei diesem Umzug von einem Haus in eine Wohnung. Wenig genug blieb von all den lieb gewonnenen Sachen; allein, dass manches Zurückgelassene nun auch Bedürftigen hilft, ist tröstlich.

Und der Flügel, der wird nun von einem asiatischen Pianisten bespielt, immerhin. 

Umzug in Coronazeiten.

Eine Herausforderung? Nein sage ich, denn alle verhielten sich professionell, ausserdem war das obligate Schmieren von stärkenden Brötchen nun nicht erlaubt, was in diesem kreativen Chaos sowieso ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre.

 

Nun sind wir hier in Hessen. In Bad Soden-Salmünster.

Einem Ort, dessen Namen ich von den viel zu seltenen Fahrten zu meiner Mutter kannte. Mehr wusste ich nicht. Etwas Internet und Kartenkunde reichten aus, um zu wissen, diese Gegend wird uns geben, was wir suchen.

 

Zwanzig Autominuten entfernt, da wohnt sie seit fast drei Jahrzehnten, meine inzwischen hoch betagte Mutter, und war trotz der räumlichen Entfernung immer für mich da. Hat mit Enthusiasmus an Büchern mitgearbeitet, denn nur sie konnte Altdeutsch und Sütterlin übersetzen, sie durchlitt mit mir Krankheit, Schmerz und Verluste.

Und jetzt?

Nachdem ich endlich begriffen hatte, zurückgeblieben zu sein, entstand in mir das Bedürfnis, nur weg aus dieser Stadt, weg von all dem Schmerz, von all dem Unschönen, was schwerste Krankheit mit sich bringt, nur weg von all dem..... und wenn schon ein Ortswechsel, der inzwischen außerhalb des Verhandelbaren stand, dann wäre es doch schön, etwas näher zu Muttern zu rücken, denn, auch wer sich mit achtundachtzig Jahren noch komplett allein managt, wird irgendwann Hilfe brauchen. Hilfe, die schlimmstenfalls nicht sechs Stunden Autobahnfahrt warten kann.

Und dann gibt es ein ungemein treibendes Moment - meine Enkelkinder. Große Entfernungen sind oftmals schwer zu überbrücken - nun aber kann, darf und möchte ich auch einfach Omi sein.

Eine Omi, die nicht jenseits von Schürze (die darf aber auch sein) im Warten auf das Echo einer Bedienung in einem Restaurant der Einsamkeit entgehen möchte, sondern aktiv sein wird. Eine Omi, die sich einbringt und so oft wie möglich gefragt werden möchte. Die sich darauf freut, sich an der Neugier und dem Wissen der jungen Generation noch einmal emporzuranken.

 

Angekommen?

Mein Hund sagt klar Ja, er findet hier eine tolle Waldgegend, und das war mir wichtig. Diese Tiere sind so sensibel, sie spüren, wenn es ihrem Menschen wieder gut geht. Bruno strahlt mich jeden Morgen von neuem an, als wolle er fragen, wann wir endlich wieder auf Spurensuche gehen. Gleich, nur noch den Kaffee zum Mitnehmen bereiten.

Nach 46 Jahren BerlinBrandenburg war dieser Umzug eine Entscheidung, die den Fügungen des Schicksals folgt, eine, die nichts mit der Suche nach dem Selbst zu tun hat, sondern eher eine Flucht aus der Stadt bedeutet, die zwei Drittel meines Lebens bestimmte. Die mir Leben, lieben lachen bot, mir einen tollen Job gab, später die Möglichkeit bot, mein eigenes Büro zu führen. Die mir das Glück der Liebe bescherte, die mir erlaubte, einen kleinen Verlag zu gründen und eigene Bücher herauszugeben. Corona hatte gegen die Fortführung etwas, dazu an anderer Stelle zu einer anderen Zeit mehr.

 

Angekommen?

Nach einigen Tagen schon kamen die ersten lieb gemeinten Fragen von Freunden; die nach dem „Angekommensein“, die nach dem schon gefundenen inneren Glück, oder ob der Hund schon Freunde gefunden habe. Ja, hat er. Hunde sind da unkompliziert.

Entweder es passt, oder eben nicht und es wird weitergegangen. Pizzi‘s Freundin Erna blieb in Berlin zurück, traurig schnüffelt sie sich jeden Morgen durch die Zaunstäbe des Gartens, in welchem beide täglich spielten. Es bricht mir das Herz, wenn ich mir vorstelle, dass sie ausser zurückgelassener angeknabberter Knochen und dem gemeinsamen Mauseloch keinen mehr findet. Ihr Spielzeuggeschenk liegt nun hier im neuen Nest, wird immer wieder beschnüffelt und herumgetragen. Hundeliebe.

Ob bei Hunden auch die Zeit alle Wunden heilt? Ich wünsche es sehr.

 

Umgezogen.

Auch angekommen?

Inzwischen haben wir ziemlich viele Kisten ausgepackt, das Notwendigste griffbereit verstaut und warten auf die Lieferung von Schrank und Küche. Die ersten Wege sind erkundet, wir wissen, wo es gut einzukaufen geht, auch einen Hundeladen und eine Hundetrainerin haben wir gefunden. Den obligaten Baumarkt auch.

Die freundlichen Worte der neuen Mitmenschen klingen wohltuend nach all dem Stress. Ja, die Menschen hier sind aufgeschlossen, und Hunde sind meist auch Türöffner, wie gesagt, meist.

Der Marktbesuch in einem nahegelegenen Ort wurde zum Wechselbad der Gefühle. Ein herzliches Danke der zuvorkommenden jungen Frau – gehen sie doch vor, ich habe mehr eingekauft als sie...... auf der anderen Seite wurde die Anwesenheit meines Hundes als eine Schande lauthals bekundet und wir sollten doch besser verschwinden. Schockstarre für einen Moment.

Ist das „Angekommen sein“ fragte ich mich und dachte im Weitergehen, es gehöre dazu, die Vielfalt der Menschen und ihrer Befindlichkeiten anzunehmen – ein Markt ist, ganz gleich an welchem Ort in diesem weiten Land, ein Schmelztiegel dessen.

In einer Woche wird es einen neuen Versuch geben.

 

Ein regionales Autokennzeichen muss her, so wurde mir gesagt. Wegen der Identität. Das wirft Fragen auf. Muss man sich denn identifizieren? Vor allem sofort? So wie auf dem Bürgeramt? Dem Flughafen? So wie neuerdings auch im Restaurant und Café und Hotel? Das aber hat ja andere Gründe.

Nein, muss ich nicht. Mich überfällt kein Freudenschauer, wenn ein neues Nummernschild mit möglichst passender Buchstaben-Zahlenkombination ausgesucht werden muss. Die Namenskürzel? Das Geburtsdatum? Das des Hundes, des Liebsten, der das Geschehen hier unten aus Sartres Hinterzimmer von weiter oben beobachtet und dabei seinen Ahnen die Hände schüttelt? Man sagt sich, dass es im Himmel weder Krebszellen noch ein Virus aushalten, und irgendwann werden wir alle erfahren, wie es da oben so ist.

Ob er schon alle verzaubert hat mit seinen Geschichten und Liedern? Mit seinem Wagnerianischen "Wahn Wahn überall Wahn"?

 

Angekommen?

Ein Umzug von Berlin, genau genommen von der Dahme nach Hessen, in den Ort Bad Soden-Salmünster, damit beendet sich ein Lebensabschnitt von 46 Jahren, er begann nach dem Studium. Das Kuriose an allem ist, dass mich meine erste Reise nach der Wende genau hierher führte, zu Familie, die damals in diesem Teil des „Westens“ wohnte, und welche mir nach drei Tagen eine prall gefüllte Tasche in den Zug hievte, der mich wieder nach Hause brachte.

„Als ob wir in Berlin nichts zu essen haben –  habt ihr schon, aber nicht das hier“ – und die riesige weiße Segeltuchtasche füllte sich.

Ich gebe zu, überwältigt von der Größe und dem Angebot dieses Supermarktes war ich schon, damals nach der Wende. Schon sehr lange meide ich diese Märkte, nicht nur deren Überangebot macht mir zu schaffen. Es gibt so viele Menschen in unmittelbarer Nähe, die nicht teilhaben können am Überfluss der Gesellschaft.

 

Wann ist man angekommen?

Wenn alle Kisten ausgepackt, das kreative Chaos etwas geordnet, der Hund seinen Platz gefunden hat? Wenn nun endlich ein neues Autokennzeichen die Zugehörigkeit zur Region verrät, wenn man einen Arzt gefunden und die Anmeldung zu einer Packstation endlich gemeistert hat?

Oder wenn man beim Erwachen auf wunderschöne Natur schaut? Sich das Herz daran erfreut?

Oder wenn die Kamera das Zweite nach der Hundeleine ist, was eingepackt wird um goldene oder blaue Stunde oder einfach so am Tage Himmelsbilder, das Verhalten der äsenden Rehe, der ewig auf einer Stelle stehenden Reiher oder sich in der Thermik immer höher schraubenden Raubvögel einzufangen, digital zu verewigen?

 

Ich denke, es ist mit dem Ankommen wie mit dem Wecken. Man muss bereit sein, geweckt zu werden, vor allem geweckt werden zu höherem Sein und man muss gleichermaßen bereit sein anzukommen, um zu bleiben.

Sonst wird das nichts.

 

Irgendwann werden Sie, liebe Leser, erfahren, wie das weitergeht mit uns in Bad Soden-Salmünster. Denn Ankommen ist das eine, aber etwas daraus machen, sich einbringen in die Dinge – das ist das andere. Das Wichtige.

 

Bad Soden im November 2020

Irina Ries